Hände im Wasser
Schritte, Stimmen, Stoffe
zwischen hier und dort entsteht Nähe.
Im Unspektakulären liegt das Verbindende: im Waschen, Tanzen, Beten, Teilen.
Und doch sind es oft Bilder des Spektakulären, die unser Denken prägen – Bilder von Not, von Ungerechtigkeit, von einem vermeintlich „anderen“ Leben. „Wenn unsere Bilder nicht mehr stimmen“, singt Bettina Wegner. Ein Satz, der mich in den späten Zehnerjahren begleitet hat.
Denn Darstellungen von Unrecht wurden – und werden – von aufmerksamen Menschen als das erkannt, was sie oft sind: Fortsetzungen kolonialer Blickweisen, manchmal offen, manchmal gut verborgen. In Deutschland lenken solche Bilder den Blick selten auf politische, wirtschaftliche oder kulturelle Ursachen von Armut. Stattdessen entstehen einfache Erzählungen – von Menschen, „denen geholfen werden muss“. Auch in der Partnerschaft zwischen Bangladesch und Deutschland haben wir immer wieder erlebt, wie Darstellungen konkreter Lebenswirklichkeiten unbeabsichtigt Klischees festschreiben.
Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Bildern. Und während Informationen immer schneller zirkulieren, schwindet oft die Bereitschaft zum genauen Hinsehen. Welche Bilder erzählen von sozialer Realität, ohne zu verletzen oder zu vereinfachen? Welche öffnen Räume für Neugier statt Abwehr, für Empathie statt Distanz? Welche laden dazu ein, eigene Gewissheiten und Privilegien zu befragen?
Vielleicht lohnt es sich, Menschen einzubeziehen, die sich mit visueller Sprache auskennen – und die diese Fragen nicht nur beantworten, sondern selbst durch sie lernen wollen.
So entstand die Kooperation mit der Academy of Visual Arts, Frankfurt. Ihre Didaktik, kreative Prozesse zu öffnen und neue Perspektiven zu ermöglichen, hat mich von Beginn an fasziniert. Gemeinsam mit NETZ Bangladesch entwickelte Tomaso Carnetto, künstlerischer Leiter der Academy, ein Praxisprojekt für das 4. und 5. Semester, eingebettet in das Lehrkonzept „zukunftsfähige Lebensräume gestalten“.
Die Studierenden setzten sich mit extremer Armut in Bangladesch auseinander, mit Frauenrechten, mit globalen wirtschaftlichen Verflechtungen. Und sie begannen zugleich bei sich selbst: bei ihren eigenen alltäglichen Ritualen. Aus dieser Bewegung entstand eine Spurensuche.
Wie begrüßen wir uns? Wann tanzen wir? Wie schmücken wir unsere Körper? Wie teilen wir Zeit, Arbeit, Nähe?
Und wie sieht all das in Bangladesch aus?
Aus diesen Fragen wuchs ein lebendiges, experimentelles Projekt. Bilder, Formen und Stimmen aus Bangladesch und Deutschland traten miteinander in Dialog. Verbindungen wurden sichtbar, Unterschiede leuchteten auf. Die Ergebnisse wurden in einer Ausstellung in Wetzlar gezeigt – viele davon finden sich in diesem Heft (pdf download).
Peter Dietzel, September 2019
»Kulturaustausch Deutschland/Bangladesch: Rituale des Alltags«
ist ein Praxisprojekt der Academy of Visual Arts, Frankfurt, das im Wintersemester 2018-2019 gemeinsam mit NETZ Bangladesch durchgeführt wurde.
NETZ ist ein Verein, der sich seit über 30 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch engagiert und den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Bangladesch fördert.
»Rituale des Alltags« ist das erste in einer Reihe von zunächst vier Praxisprojekten zur Gestaltung kultureller Wirklichkeiten.
In der Projektarbeit erarbeiten wir Praxis-Module, die durch Verwendung künstlerisch gestalterischer Methoden dazu beitragen, soziale Realitäten zu etablieren, die nicht durch von außen gesetzte Grenzen und entsprechend statische Hierarchien im Inneren definiert sind, sondern deren soziale, politische, ökonomische, ökologische und religiöse Strukturen sich aus den kleinsten Einheiten des Miteinander ergeben.
Tomaso Carnetto, Direktion Academy of Visual Arts, Frankfurt
