
Abende der Begegnung im Kinder- und Familienzentrum Wetzlar-Dalheim
„Wieviel Joghurt nehmen wir in die Soße?“ ruft Matthias in die Runde. Gleichzeitig warnt Fatima wohlmeinend ihre Nachbarin am Herd: „Pass auf, dass Du Dich nicht verbrennst,“ und Iris will wissen: „Gibt es noch einen weiteren großen Topf für das Gemüse?“ Munter geht es zu in der Küche des Kinder- und Familienzentrums Dalheim. Zwanzig Menschen stehen an den beiden Herden und an Schneidebrettern. Es dampft, brutzelt und brodelt. Nach angedünsteten Zwiebeln riecht es, nach Basmati-Reis, nach exotischen Gewürzen. „Den Koriander müsst Ihr noch viel feiner schneiden,“ gibt Farhad Golafra als Anweisung, der vor vielen Jahren aus dem Iran nach Mittelhessen kam. Er leitet die Gruppe an, die heute zusammengekommen ist. Denn persisch Kochen steht diesmal auf dem Programm.
Alle in der Küche sind per Du – auch wenn manche sich heute das erste Mal begegnen. Die erste Zurückhaltung ist schnell überwunden. Jeder redet mit jedem. Die meisten sind durch Mund-zu-Mund-Propaganda dazugekommen. Gemeinsam wird der Tisch gedeckt. Am Besten man setzt sich zu Leuten, die man noch nicht kennt, zum Beispiel neben Razan mit dem schwarzen Kopftuch und Renate in Jeans. Dann heißt es guten Appetit, genauer: „Nushat Jhan“, das ist persisch und heißt wörtlich übersetzt: „Zum Wohle auf das Leben“. Alle lassen sich den Kräuter-Hülsenfrüchte-Eintopf schmecken, den Linsenreis mit Datteln und den Minze-Walnuss-Gurken-Joghurt, die sie gemeinsam gekocht haben. Zum Nachtisch gibt es Süßkartoffel-Pfannkuchen.
Kochen, Schnippeln, Kennenlernen heißt das Event. Alle paar Monate findet es statt. Syrische und russische Küche gab es bereits, hessische und schwäbische, das nächste Mal stehen afghanische Gerichte auf dem Programm. Meist leiten zwei, drei Personen aus dem jeweiligen Kulturkreis das Kochen an und erzählen dabei auch ein wenig über Essensgebräuche in ihrer Heimat. Regina Koritkowski, die Initiatorin, formuliert das Anliegen so: „Mir ist es wichtig, dass Menschen, die aus verschiedenen Kulturkreisen in unserer Stadt leben, sich kennenlernen, miteinander reden, vielleicht auch vorgefasste Meinungen überwinden. Es soll Spaß machen. Das geht ganz einfach beim gemeinsamen Kochen und Essen.“ Als die ehrenamtlich engagierte Wetzlarerin ihr Vorhaben Martina Reuter-Becker vom städtischen Quartiersmanagement unterbreitete, war diese begeistert und baute die Idee in das bereits bestehende Konzept „Über den Tellerrand“ ein. Dieses ist ein Kooperationsangebot des Kinder- und Familienzentrums Dalheim und der Volkshochschule Wetzlar, das u.a. aus Mitteln des hessischen Weiterbildungspaktes 2021-2025 gefördert wird. Seither organisieren die beiden Frauen zusammen das Kochen, Schnippeln, Kennenlernen. Und freilich auch das gemeinsame Spülen und Aufräumen am Ende. Auch Oberbürgermeister Manfred Wagner war schon da und lobte das hohe Engagement des Teams im Kinder- und Familienzentrum.
„Das besonders Schöne an den gemeinsamen Abenden ist“, findet Regina Koritkowski, „dass sich die Leute trauen, mit fremden Menschen etwas zu machen“. Die syrischen Frauen zum Beispiel seien sich sehr unsicher gewesen, ob ihr Deutsch ausreicht, den Kochabend anzuleiten. „Und hinterher waren sie mächtig stolz, dass es hervorragend geklappt und mega Spaß gemacht hat,“ erzählt sie und schiebt nach: „Ich freue mich auch darüber, wie die Menschen ins Gespräch kommen und sich gegenseitig fragen, was sie interessiert, weshalb eine muslimische Frau ein Kopftuch trägt oder weshalb das schwäbische Essen so viele Kohlenhydrate hat.“
Die Treffen finden ca. all drei Monate statt. Anmeldung sind per E-Mail erbeten an: soziale-stadt@caritas-wetzlar-lde.de oder per Telefon: 06441/982 8890.
Text und Foto: Peter Dietzel. Der Beitrag ist in leicht gekürzter Version am 5. Januar 2026 in der Wetzlarer Neuen Zeitung erschienen.