Irritation löst sie bei mir aus, die konstituierende Sitzung der Stadtverordnetenversammlung Wetzlar am 16. April 2026.
Ich bin begeistert, dass sich Menschen für unser gemeinsames Wohl engagieren. Ich freue mich über alle, die sich bei der Wahl aufstellen ließen. Ich danke unseren frisch gewählten Stadtverordneten sehr, dass Sie für die nächsten fünf Jahre Verantwortung für unsere Stadt übernehmen! Ein entscheidendes Thema jedoch kam auf der ersten Sitzung des Stadtparlaments, an der ich als Besucher teilnahm, nicht vor.
Die Gemeinde sei die Keimzelle der Demokratie, höre ich immer wieder von Politiker:innen. Doch was ist mit unserer Demokratie los, wenn die Mehrheit von uns Bürger:innen sie zum Abgewöhnen findet? Das zeigt das Wahlergebnis in Wetzlar auf. Nicht-Wählen ist eine Entscheidung. Das Kreuz bei einer Partei machen, die unsere Demokratie in der praktizierten Form torpedieren möchte, ebenso. Beide Seiten zusammen machen 68 Prozent unserer Stimmen aus. Auch wenn man herausrechnet, dass am 15. März einige von uns einfach nicht wählen gehen konnten, bleiben mindestens 50 Prozent stehen.
Was bedeutet das für unsere Demokratie? Was sind die Ursachen für Desinteresse und Ablehnung? Was verstärkt diesen Trend? Was tun wir, um einen Trend pro Demokratie zu schaffen? Dass Menschen Spaß am Mitmachen bekommen?
Kein Erschrecken über den Stand unserer Demokratie konnte ich auf der Sitzung wahrnehmen. Keine der oben genannten Fragen tauchte auf. Kein Element der Selbstreflexion konnte ich erkennen in dieser Keimzelle. Gewiss, die Sitzung ist nicht dazu da, diese Aufgabe zu lösen. Dafür braucht es Zuhören, fundierte Analyse, den Wunsch, blinde Flecken aufzuspüren, Mut, Lust auf Neues.
Doch eine konstituierende Sitzung ist der Ort, kurz und ehrlich innezuhalten. Was passiert da gerade bei uns? Und sie stimmt die Musik an für das, was vor uns liegt.
Peter Dietzel