Von Peter Dietzel
In der ersten Halle
steht ein Panzer, T-55.
Eine stille Flut blauer Glasperlen-Rosenkränze
liegt vor seinen Ketten, unter ihm,
nötigte ihn zum Stand.
Auf Fotos: Abrams, Armata, Leopard, Challenger, 59er
– stillgestellt, alle.
Im nächsten Raum
halten hunderte Tonhände Kerzen.
Achtsam schirmen sie jede Flamme.
Pflastersteine ringsum
sinken in den Boden zurück.
Weiter vorn
hängen Blechteller von der Decke.
Blechlöffel schlagen
einen ungehorsamen Puls
gegen ihre Unterseiten.
Auf einem Foto, datiert zwei Jahre nach der Vernissage:
Eine Aktivistin spricht ins Mikrofon,
doch die Kameras schwenken seitwärts,
zu Militärs im Nebenraum, die
die Computer der Gewaltfreien durchforsten,
um neue Antworten zu finden.
Alle Gebetsteppiche auf dem nächsten Bild
weisen in dieselbe Richtung.
Tschador-bekleidete Frauen
berühren mit der Stirn den Boden.
Ratlos stehen hunderte Uniformierte
in dieser hingestreckten Stille,
bis an den Horizont reicht die Kolonne
ihrer militärgrünen Fahrzeuge.
Hier wandeln Nonnen und Mönche
zwischen zwei Fronten.
Dort schneidet ein Rave durch die Kampfzone.
Nahebei Puppenspielerinnen, Clowns, Pantomiminnen,
tanzende Alevitinnen, Ballerinos, Samba-Königinnen,
springende Narren mit Masken und ohne.
Eine Fotoserie zeigt Drohnen.
Fäden aus ultrahochmolekularem Polyethylen
pflücken sie aus der Luft.
Menschen verpacken die Maschinen
in Kisten, polstern sie mit Holzwolle,
legen Briefe dazu:
Nehmt eure Geschenke zurück. Wir brauchen sie nicht.
Doch besucht uns.
Am Ende: weißgedeckte Tische,
Kaffeekannen, Bleche voller Apfelkuchen.
Menschen erzählen einander Geschichten.
Wer unterschreibt,
seit mindestens einem Jahr Meditation oder Stundengebet zu üben,
oder eine vergleichbare Technik,
darf hinab in den Kellerraum.
Schweigend, den Atem spürend,
stellen sie sich in einer Reihe auf.
Ihre Aufgabe: dem Flucht-Impuls zu widerstehen,
wenn die Wirklichkeit einsetzt –
standhaft zu bleiben,
wenn der Druck einer Schallkanone
als unsichtbare Welle durch den Raum fährt.
Im Saal ganz oben, links,
rinnt Wasser von allen Wänden,
unaufhörlich, salzig wie Tränen.
Projektoren schreiben Namen darauf,
tausende.
Die fließende Nässe reflektiert
die Schrift – und bricht sie.
Tiefer erscheinen die Zeichen
von Menschen,
die ihr Leben gaben
im Mut, der standhaft sanft blieb.
Zwanzig Wochen lang arbeitete
das tibetisch-chinesische Künstlerduo
an zwei saalhohen Gemälden.
Neurobiologische Hochbild-Verfahren
lieferten die Vorlagen.
Auf der linken Leinwand verzweigen sich
die Nervenzellen einer Nachrichten-Technikerin.
Rechts blühen, in üppigem Geflecht,
die Spiegelneuronen eines Menschen,
der seit Jahren zwischen zwei Fronten
die waffenfreie Wehr lebt.
In der letzten Halle blüht Jasmin;
Sanjeevani, Zimt und Timbur duften.
Zartgrüne Lärchenknospen leuchten,
goldgelbe Korbblütler, rote Quittensträucher.
Schulterhohe Gräser rauschen wie am Meer.
Nachtigallen singen.
UV-Strahlen wecken Serotonin, Dopamin, Endorphine.
Warme Winde streicheln Haut.
Bei heißem Masala-Tee,
gesüßt mit Honig aus Anzer,
spüren wir das Leben,
für das es sich lohnt zu sein.
Saal um Saal:
Installationen der Salzmärsche,
der verstummten Drohnen,
der offenen Gesten,
ausgestreckt ins Mögliche.
Die Zeichnung zum Text auf „Stories“ wurde in Zusammenarbeit mit ChatGPT und Regina Koritkowski erstellt.