Gesichter des Friedens

Eröffnung der Ausstellung am 18. Oktober 2025 im Wetzlarer Dom

Herzlich Willkommen zur Ausstellung „Gesichter des Friedens“.

Hier stehen wir jetzt. Ich danke Ihnen und Euch, dass Ihr da seid – und ich ein paar Worte sprechen darf. Ich lade Sie ein: Wie wäre es, wenn jede und jeder von uns für einen Moment die Augen schließt? Jede und jeder so wie sie, wie er will und kann. Wir schließen einfach für einen Moment sanft die Augen.

Wir stehen hier. Mit beiden Beinen auf dem Boden. Wir spüren unsere Arme als unsere Begleiter. Wir spüren unseren Körper. Wir sind hier.

Jede und jeder von uns fühlt etwas in diesem Moment. Hunger? Kälte? Neugier? Müdigkeit? Zufriedenheit? Jede und jeder fühlt vermutlich etwas anderes.

Hinter jedem Gefühl steht ein Bedürfnis. Hunger liegt das Bedürfnis nach Essen zugrunde. Hinter dem Gefühl der Angst verbirgt sich vielleicht ein Bedürfnis nach Sicherheit. Wenn ich neugierig bin, habe ich vielleicht das Bedürfnis nach Anregung und Wachsen.

Jede:r fühlt etwas – und fragt sich: Welches Bedürfnis spricht aus dem Gefühl, das ich gerade spüre?

Sind unsere Bedürfnisse nicht erfüllt, haben wir Gefühle, die wir als negative wahrnehmen: Mattigkeit, Trauer, Wut zum Beispiel.

Sind unsere Bedürfnisse erfüllt, haben wir positive Gefühle: Wir sind gestärkt, wenn wir gegessen haben. Wir sind glücklich, wenn unser Bedürfnis nach Zärtlichkeit erfüllt ist. Wir sind entspannt, wenn wir Zugehörigkeit erleben.

Jede:r ist eingeladen, sich zu fragen: Wie sehe ich meine Gefühle? Meine Bedürfnisse? Kann ich sie gelten lassen, wie sie sind? Ohne sie zu bewerten? Mit 100% Empathie mir selbst gegenüber? Welches Gesicht mache ich, wenn ich alle meine Bedürfnisse mag – so wie ich bin?

Jeder Mensch hat die gleichen elementaren Bedürfnisse. Unterschiedlich stark. In unterschiedlicher Zusammensetzung. Doch es sind die gleichen.

Jetzt wird es spannend. Wie sehe ich die Bedürfnisse meiner Mitmenschen? Kann ich sie gelten lassen ohne sie zu bewerten? Mit 100% Empathie? Und wenn mir das gelingt: Welches Gesicht mache ich dann?

Ein Konflikt besteht, wenn zwei oder mehr Bedürfnisse aufeinandertreffen, die unvereinbar erscheinen. In mir selbst: ich will mich so richtig an der Geschmacksvielfalt des Essens freuen – und zugleich körperlich fit bleiben. Ein Konflikt. Zwischen zwei Menschen: Sie hat das Bedürfnis zu feiern – er nach Schlaf und Erholung. Die einen in unserer Gesellschaft haben ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, andere nach Anregung durch Vielfalt. Hunderte Konflikte!

Wie geht 100% Empathie, wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen? Wie wäre es, wenn wir nachher darüber sprechen? Vielleicht kann das eine Annäherung sein an unsere eigenen Gesichter des Friedens?

Die Ausstellung „Gesichter des Friedens“ eröffnet die internationale Perspektive: Otto Raffei, er ist eines der Gesichter, formuliert es so: Wir haben die Konflikte um verschiedene Bedürfnisse. Ich stehe dafür, dass sie nicht mit Gewalt ausgetragen werden. Wir können gewaltfreie Konfliktaustragung lernen.

Der Zivile Friedensdienst ist ein internationales Programm, in dem es genau darum geht. Neun deutsche Organisationen sind daran beteiligt, in 45 Ländern. Brot für die Welt ist dabei für die evangelische Kirche. Agiamondo für die katholische. Die Organisation Pro Peace hat diese Ausstellung zusammengestellt. Ich war mit der KURVE Wustrow, einer anderen Organisation, im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes für drei Jahre in Nepal.

Zehn Jahre tobte dort ein Bürgerkrieg. Hunderte Frauen erzählten mir vom Tod ihrer Männer. Eltern berichten, dass ihre Söhn seit dem Krieg verschwunden sind, sie nichts über sie wissen. Eine Frau erzählt von monatelangen Vergewaltigungen im Armee-Camp. Andere Frauen können nicht darüber sprechen und berichten von andauernder Migräne und dass sie nie länger als 15 Minuten sitzen können. Genau das, was Krieg ist: Tod, Trauer, Trauma.

Lokale, nepalische Friedensorganisationen arbeiten mit den betroffenen Menschen. Unsere Organisation KURVE Wustrow unterstützt sie: z.B. mit Schulungen. Frauen, die ihre Männer verloren haben, durch die eine Seite der Gewalt wie durch die andere, treffen sich. Sie erzählen sich ihre Geschichten. Sie weinen zusammen. Sie stellen fest, dass die andere Seite Menschen sind – mit den gleichen Bedürfnissen – nicht ihre Feinde. Sie stellen fest, sie haben einen gemeinsamen Feind: Den Krieg. Die Organisationen bilden z.B. Friedensarbeiterinnen aus, die Konflikte im Dorf und in der Stadt schlichten. Und sie kämpfen dafür, krasse Ungerechtigkeiten zu überwinden, die zur Gewalt geführt haben: Dalits, früher als Unberührbare bezeichnet, sollen gerechtere Löhne in der Landwirtschaft erhalten. Deren Kinder Schulbildung. Gesundheits-Versorgung. Minderheiten und Frauen sollen politisch mitsprechen, usw.

Tulshi nahm an einer der Schulungen in Nepal teil. Unser Thema war: Versöhnung und Erinnerung. Als Kind, während des Bürgerkriegs, ist Tulshi auf eine Mine getreten. Ein langer Weg: Schmerzen, Operationen, Therapie, Existenzsorgen. Jetzt ist sie eine couragiert auftretende, anmutige junge Frau. Jede:r der Teilnehmer:innen ist gefragt: Was ist Versöhnung für Dich? Tulshi antwortet: „Ich möchte den Mann treffen, der die Mine gelegt hat. Ich möchte, dass er mir in die Augen schaut. Er soll sehen, was aus mir geworden ist. Wieviel Kraft ich aus all dem ziehe, was ich durchgemacht habe. Ich glaube, dass ihn das erleichtern wird. Er leidet bestimmt darunter, was er getan hat. Das möchte ich, dass er sich freier fühlt.“

100% Empathie. Nepalis haben ein Friedensabkommen in ihrem Land erreicht, eine Million Menschen gingen dafür auf die Straße. Das Land ist nicht Teil dieser Ausstellung. Doch die Statements, die wir in der Ausstellung lesen und hören, entsprechen teils wörtlich denen, die ich von Friedensarbeiter:innen in Nepal gehört habe: Wir wollen Frieden auf der Basis von Menschenrechten und Würde. Ohne Waffen, die schaffen keine Lösung.

Die Botschaft ist: weltweit gibt es so viele Erfahrungen, wie wir Konflikte ohne Waffen austragen können. Und: wie wir gewaltfrei autokratische oder diktatorische Regime überwinden können. Mit größeren Erfolgsquoten als das Militär sie hat. Weniger Toten und Verletzten. Weit geringeren Kosten.

Landauf, landab diskutieren wir die Einführung der Wehrpflicht. Wie wäre es, wenn die jungen Menschen selbst entscheiden? Es könnte ein Pflichtjahr mit drei Optionen geben: Den Zivildienst im sozialen Bereich. Den Wehrdienst. Und den Dienst in der sozialen Verteidigung, in dem junge Menschen gewaltfreie Methoden der Konfliktaustragung lernen und das ganze Spektrum friedlichen Widerstands. Die Entscheidung der jungen Menschen, wohin sie gehen, wäre gelebte Demokratie mit den Füßen. Das setzt voraus, dass alle drei Optionen mit den gleichen Mitteln ausgestattet werden, um ihr jeweiliges Programm in der Öffentlichkeit publik zu machen.

Ich lade Sie ein: Wie wäre es, wenn jede und jeder von uns für einen Moment die Augen schließt? Jede und jeder so wie sie, wie er will und kann. Wir schließen einfach für einen Moment sanft die Augen.

Wir stehen hier. Mit beiden Beinen auf dem Boden. Wir spüren unsere Arme als unsere Begleiter. Wir spüren unser Gesicht. Wie zeige ich Gesicht für den Frieden?

Ich bitte jede und jeden von Ihnen, einen Schritt nach vorne zu machen. Einen Schritt für den Frieden. „Wenn wir mal damit angefangen haben, können wir nicht mehr aufhören“, sagt Bataul Almahmud in der Ausstellung.

Peter Dietzel

Die Ausstellung „Gesichter des Friedens“ kann ausgeliehen werden bei Pro Peace.

Batoul Almahmoud und Judy al Chalabi, Foto aus der Ausstellung „Gesichter des Friedens“ von Leon Sinowenka