Wer den bengalischen Maler Sultan kennenlernt, dem erscheint dessen Leben noch weit interessanter als seine Bilder. In seiner Jugend war er ein Mann mit langem, fließendem Haar und von sorgloser Natur. Erfolg oder Misserfolg, Malen oder Genuss – all diese Dinge bedeuten ihm gleich viel oder wenig. Grundsätzlich hat er diese Einstellung bis heute nicht geändert. Viel Zeit verbringt er in seinem Garten, mit seinen Haustieren und auf Dorffesten. Gemessen daran verbringt er nur einen Bruchteil der Zeit mit Malen.

Um seiner Gesundheit willen – er ist jetzt 67 oder 68 Jahre alt – verzichtet er heutzutage auf viele Genüsse, und auch seine selbstgefertigten Bambusflöten kann er nicht mehr spielen. Zu früherer Zeit hätte man wohl leicht den Eindruck gewonnen, er verbrächte seine Zeit nur damit, Hasch zu rauchen, Flöte zu spielen und sich mit okkulten Dingen zu beschäftigen.
In jungen Jahren lebte er zeitweise in Europa und Nordamerika. In den fünfziger Jahren war Sultan der einzige asiatische Maler, der die seltene Gelegenheit hatte, zusammen mit anderen zeitgenössischen Meistern – Pablo Picasso, Paul Klee, Henri Matisse und Salvador Dalí – in London auszustellen.
Nach seiner Rückkehr aus dem Westen jedoch entschied er sich für ein zurückgezogenes Leben auf dem Land, in und mit der Natur, weit ab vom Treiben des modernen Lebens. Von Zeit zu Zeit engagierte er sich in der Bauernbewegung. Dann kümmerte er sich – sehr zur Verwirrung der anderen Dorfbewohner – um die Erziehung der Kinder im Dorf. Wieder zu anderer Zeit sah man ihn als eine Art Guru für die ungebildeten Bauern und Hindus unterer Kasten.
Obwohl die Menschen in Bangladesch nur wenig Geld für die schönen Künste und ihre Verbreitung ausgeben können, ist Sultan schon zu Lebzeiten eine Legende geworden. Der einfache Dorfbewohner bewundert und genießt seine Bilder. Kinder erkennen den überzeugten Junggesellen mit seinem fließenden, gewellten Haar auf den ersten Blick und nennen ihn „Onkel“.


Doch obwohl er, wie gesagt, viel Zeit mit anderen Dingen verbrachte, gab er das Malen zu keiner Zeit völlig auf. Immer dann, wenn seine Stimmung ihn dazu antreibt, malt er. Alle Materialien, die er dann in seine Hände bekommt, werden als Mittel künstlerischer Aktivität genutzt.
Auch wenn Kunstkritiker bislang nur wenig Chancen hatten, Sultans Werk zu begutachten und seine Stellung unter den Malern der Welt zu bestimmen, bin ich davon überzeugt, dass er einer der bedeutendsten zeitgenössischen Maler ist. Aus sich selbst heraus sind seine Bilder Beispiele edelster Schönheit. Sie sind jedoch über alle Kontinente verstreut und zum Unglück dort auch verschollen.
In seiner frühen Schaffensperiode, als er durch Europa und Nordamerika reiste, malte er viele abstrakte und impressionistische Bilder. Diese Bilder brachten ihm Ruhm und Anerkennung, doch sind die meisten dieser Werke entweder verloren oder in der Hand von Privatsammlern.
Niemand kann über die Bilder Auskunft geben, die er in Kalkutta, Agra, Kaschmir, Lahore, Karachi, London, New York, Chicago und San Francisco gemalt hat. Der junge Filmregisseur Tareq Masud, der einen Dokumentarfilm über Sultans Leben und Werk gedreht hat, versuchte, diese verlorengegangenen Bilder zu finden. Er hatte nur wenig Erfolg. Lediglich einige Bilder, die sich in der Obhut einiger Künstlerfreunde des Malers in Karachi und Lahore befanden, konnte er ausfindig machen. Wohin die anderen Bilder verschwanden, ist nicht bekannt.

Kürzlich entdeckte man einige seiner schönsten, auf Holz gemalten Bilder: sie hingen als Fensterläden vor Dorfgeschäften. Einige dieser Läden wurden gestohlen, als man erfuhr, dass Sultans Bilder in den großen Städten zu Höchstpreisen gehandelt werden.
Das Land und die Nation, die diesen Genius hervorbrachten, haben sich zu dieser Zeit nur wenig um die Erhaltung seines Werkes gekümmert. Sogar seine Künstlerkollegen in seinem Land begegneten ihm sehr reserviert. Wie dem auch sei, die Zeiten haben sich gewandelt. Heute wird Sultan von allen als einer der größten Maler Bangladeschs geschätzt.
Sultans Bilder besitzen die wunderbare Fähigkeit zu sprechen. Diese Sprache ist so kraftvoll, dass auch der einfache Dorfbewohner, der kein großes „Kunstverständnis“ hat, sich an ihnen erfreuen kann.
Zugleich offenbart sich in ihren Farbkombinationen, ihrem Pinselstrich und der Anordnung von Licht und Schatten eine wunderbare Proportionalität. Seine unübertroffenen Zeichnungen mit ihren lebhaften Figuren erinnern an den Stil Michelangelos. Seine letzten Bilder machen deutlich, dass Sultan ein Maler der Renaissance ist, der in einer späteren Periode geboren wurde, in einem Land, das man heute Bangladesch nennt. Nach künstlerischen Maßstäben hat Sultan eine rein europäische Seele. Es gibt keinen anderen Maler auf dem indischen Subkontinent, der Sultan ähnlich ist oder an ihn erinnert. In der Malerei des indischen Subkontinents ist der Mystizismus dominierend, ganz gleich, welche Thematik behandelt wird. Es bleibt unklar, wodurch Sultan die Einflüsse erhalten hat, die seinen Stil ausmachen. Aber manchmal geschehen solche Dinge einfach.

Sultan hat in seiner künstlerischen Laufbahn sehr oft seinen Stil geändert; die einzelnen Phasen unterscheiden sich völlig voneinander. Solche kontrastierenden Wechsel sind selbst bei äußerst kreativen Künstlern selten.
Seit fünfzehn oder sechzehn Jahren ist das ländliche und bäuerliche Leben das Hauptthema seiner Bilder. Diese Thematik gab seiner künstlerischen Vorstellung eine neue, fruchtbringende Dimension, die eine bemerkenswerte Phase seines Schaffens kennzeichnet.
Dem Betrachter seiner Bilder stellt sich jedoch sofort eine Frage: Haben die muskulösen Bauern, die schönen, sanften, lebensspendenden Frauen und die gesunden Tiere, die man auf den Leinwänden seiner Bilder im Überfluss sieht, irgendetwas mit der Realität gemeinsam?
In der Tat: Sultan hat keine einzige männliche oder weibliche Figur gemalt, die schwach oder ausgemergelt aussieht. Doch die Realität ist anders. Bangladesch ist ein Land, über dem der Mangel wie ein böser Schatten liegt. Hungersnöte sind häufig. Zerstörerische Fluten reißen alles Leben fort. Die Brunnen des Lebens trocknen in der Dürre aus. Das Leben ist im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig, roh und kurz.
Trotz alledem malt Sultan eine ganz andere Sicht der Dinge. Er sieht in seinen Bauern Menschen mit unbegrenztem Lebenswillen. Sie stellen sich den Fluten und bleiben auch im Angesicht gewaltiger Zyklone unbezwingbar. Sie werden von reichen Städtern ausgebeutet und durch die Bürokratie unterdrückt, und doch leben sie weiter – als Bauern und als Menschen. Ihre Fähigkeit, immer weiter zu überleben, ist bemerkenswert.
Sie sind das Wesen des bäuerlichen Lebens. Auch wenn sie dünn und ausgezehrt erscheinen, sind sie es in Wahrheit nicht. Sie sind die Helden der Zivilisation. Im vorindustriellen Zeitalter war die ganze Welt von Menschen dieser Art besiedelt. Sultan sieht seine Figuren, obwohl sie in der Realität die Bauern Bangladeschs sind, als Symbole für die eigentlichen Erschaffer der Zivilisation.
Jeder Bauer ist ein verkleideter Vater Adam. Ein wunderschönes Bild Sultans trägt den Titel „Erste Pflanzung“. Darauf sieht man Vater Adam, wie er einen Baumsetzling in die Erde pflanzt. Zärtlichkeit, Sanftheit und Hingabe für das Leben werden in einer solchen emotionalen Weise dargestellt, dass sich die Leinwand in eine unerreichte Schöpfung der Schönheit verwandelt.

In diesem Sinne sind Sultans Bilder ein flammender Protest gegen Umweltverschmutzung, Abholzung der Wälder und andere zerstörerische Kräfte der Zivilisation, die die ökologische Balance gefährden.
Im persönlichen Gespräch vertritt Sultan die Position, dass alle erschaffenen Dinge nützlich sind. Auch Tiere und Insekten, die dem Menschen scheinbar schaden, sind nach gründlicher Überlegung nicht schädlich. In der Natur gibt es keine unnützen Dinge. Nur ist der Mensch so arrogant, dass er der Natur seinen Willen aufzwingt und sie dadurch zerstört. Es ist dieses tiefe Vertrauen in die Natur, das das Wesen von Sultans Bildern ausmacht.
Übersetzung: Stefan Meier
Der Text wurde erstmals in der Zeitschrift NETZ 3/1991 unter dem Titel „Pinselstriche bengalischer Lebenskraft – S.M. Sultan, ein Maler aus Bangladesch“ veröffentlicht.