Mittags, als er von der Schule heimkam, hatte sich Ashu neben seine Mutter auf die Matte hingelegt. Irgendwann hatte sich der Schlaf auf seine Lider gesenkt, und er war fest eingeschlafen. Jetzt kommt er langsam zu sich, mag aber seine Augen noch nicht aufmachen. Durch seinen Halbschlaf dringt eine Melodie, süß und angenehm. Die Töne weben ein Spinnennetz in seiner Brust. Mit der linken Hand reibt sich Ashu die Augen und schaut um sich. Seine langen, schmalen schwarzen Augen blinzeln, schließen sich wieder und öffnen sich erneut. Im rechten Augenwinkel hat sich Schlaf gesammelt. Er wischt ihn aus.
Mutter ist beim Nähen. Durch die Löcher im Zaun fallen drei Lichtstrahlen schräg ins Zimmer. Einer fällt auf Mutters Hände. Die helle Nadel glitzert. Wenn sich Mutter auf ihre Arbeit herabbeugt, tanzt die goldene Linie auf ihrer Stirn. Die linke Stirnseite leuchtet dann wie Gold. Mutters Gesicht sieht kummervoll aus. Mit klitzekleinen Kräuselstichen näht sie an einer Kantha-Decke. Ihre Lippen bewegen sich. Aus ihnen dringt eine leise Melodie. Ashu mag das sehr: Mutters leise Stimme verzaubert das ärmliche Haus in einen Wald aus Lichtlianen. Sie singt:
Wie fremd geworden seid ihr mir, o Mutter, Vater,
seid ihr mich in die Fremde gabt.
Ach, einmal noch stillt meines Herzens Sehnsucht, Mutter, Vater,
und holt mich heim zu euch.
An Mutters Nasenring rinnen ein paar Tränentropfen herab. Ashus Mutter weint vor Sehnsucht nach ihrem Vaterhaus. Alle im Dorf fahren manchmal heim. Heim zu den Eltern, zu Tanten oder Schwestern. Ashus Mutter hat niemanden mehr, der sie zu sich auf Besuch abholen würde – weder Eltern noch Schwestern noch Tanten. Sie ist allein auf der Welt. Wenn Vater nicht zu Hause ist, steht Mutter oft an die geflochtene Außentür gelehnt und summt vor sich hin. Und aus ihren Augen rinnen Tränen. Es gibt nichts Hübscheres als Mutters glitzernde Tränentropfen. Sie ist traurig, sehr traurig und hat niemanden, dem sie ihr Leid erzählen könnte, auch nicht Ashus Vater. Wenn Ashu Mutter weinen sieht, dann reißt etwas an seinem weichen Herzen, als ob jemand darin weint und weint.
Ashu ist aufgestanden und setzt sich zu Mutter. Ihr roter Nähfaden bewegt sich wie eine lebendige, fadendünne Schlange. Immer wenn Mutters Hand daran zieht, erzittert sie. Der Faden taucht rasch in den Stoff ein und wieder aus ihm hervor. Wie der rote Faden wird der Schmerz in Mutters Herzen fein und lang, wird zur fein gesponnenen Summmelodie.
Ashu legt die Hand auf Mutters Rücken. „Ma, sing doch mal das Lied!“ bittet er. „Welches denn, Ashu?“ fragt sie zurück. „Na das, das Großvater sang, als du klein warst und ihm das Essen aufs Feld am Mog-Bil brachtest. Als Großvater die Wasserpfeife auf den Rücken des Ochsen abstellte und rauchte und dabei sang.“ – „Ach wie lang das her ist, Ashu“, sagt Mutter. „Da war ich noch nicht verheiratet. Meine Mutter hatte mir damals einen schönen Nasenring machen lassen.“ – „Nein, Mutter, nicht das. Das hast du schon so oft erzählt. Gleich wirst du davon anfangen, wie Großvater mit seiner Pflugschar dem Ochsen das Bein verletzte. Das hab ich schon so oft gehört. Das Lied sollst du singen.“ – „Als ob ich das alles noch im Kopf hätte! Wie lang das her ist. Das war, als die Hochzeit meiner älteren Schwester vorbereitet wurde. Da brachte Yatin, der frisch studierte Rechtsanwalt, aus England eine Frau mit, die wie in Feuer gebadet aussah. Rot wie eine Pfefferschote war ihr Gesicht. Yatins Mutter war mit ihrem Verstand am Ende. Wo sollte sie die weiße Madame aus England unterbringen? Was sollte sie ihr zu essen geben? Und o je, da fasste die weiße Madame der Mutter des Anwalt an die Füße, um ihr ihre Ehrerbietung zu zeigen. Da riefen die Leute: ‚Hoch lebe der Anwalt, hoch lebe die Mem Sahib.’ Ach, ist das lange her!“ Die Mutter seufzte geräuschvoll. „Karim Baksha, der Sänger, der das Lied gemacht hatte, ist auch längst gestorben.“ Wenn er die Geschichte vom Anwalt Yatin hört, wird Ashus Herz wie entrückt. Wie oft hat er sie schon gehört, und trotzdem bekommt er nie genug davon. Mutter summt die Melodie an und singt dann:
Leute, höret die Geschichte
von der weißen Madame, die sich aus England mitgebracht
Yatin, der Rechtsanwalt…
Mitten im Lied hält Mutter inne. „Warum singst du nicht weiter, Ma?“ fragt Ashu. „Ich habe viel zu tun, Ashu“, antwortet sie. Wenn ich mit der Decke fertig bin, muss sich noch zum Zwei-Frauen-See geh’n und Kalakatshi-Blätter pflücken.“ Da fällt es Ashu ein. Eben, im Schlaf, hat er einen seltsamen Traum geträumt. „Ma, o Ma, hör doch. Ich habe heute geträumt, wie du weinst. Von deinem Nasenring tropften die Tränen nur so herunter. Jeder Tropfen wurde zu einer roten Blume. Lauter kleine Blumen. So rot, dass es einem die Augen blendete. Aber man musste immer wieder hinschauen! Wie viele Tränen aus deinen Augen tropften! Und wie viele Blumen aufblühten! Ich staunte und staunte. Auf einmal kam ein Wind und schaukelte die Blumen. Sie wiegten ihre Köpfe so schön hin und her. Dann bin ich aufgewacht, und da sah ich, Ma, dass du wirklich weinst.“ – „Ist schon gut, Ashu“, beruhigt ihn Mutter. „Was man alles so träumen kann. Von Dshinns und Feen, Riesen und Dämonen.“ – „Weißt du Mutter, was mich vorgestern geträumt hat? Ich war in der Schule. Anis, der Sohn von Mabud Mian, riss mein zerrissenes Hemd noch weiter kaputt. Ich beschwerte mich beim Lehrer. Aber der bestrafte Anis gar nicht. Als die Schule vorbei war, riss mir Anis das Hemd ganz und gar entzwei. Da weinte ich.“
„Stimmt, Ashu, vorgestern Nacht hast du im Schlaf aufgeschrie’n und geweint. Aber als ich dich rüttelte und fragte, was du hast, schliefst du tief und fest. Dshinns und Hexen bringen die Kinder im Traum zum Weinen. Wenn du Luta, den Mullah siehst, sag, ihm, er möchte einmal zu uns kommen. Ich werde ihm den Flaschenkürbis, der gerade reif ist, geben und dir dafür ein Amulett machen lassen.“ – „Ma, ein Amulett nützt da gar nichts. Ob ich davon träume oder nicht, Anis reißt ja in der Schule wirklich an meinem Hemd und wirft mir die Bücher auf die Erde!“ sagt Ashu. Die Mutter schweigt eine Weile, dann sagt sie: „Die Dshinns sind sehr durchtrieben. Sie kommen in allen möglichen Gestalten und bringen die Kinder zum Weinen.“ Aber Ashu ist nicht zu überzeugen. „Sag, Ma, warum habe ich heute so viele roten Blüten gesehen?“ – „Versteh‘ doch, Ashu, diesen Traum haben dir die Engel geschickt!“ Ashu bleibt skeptisch: „Und warum“, fragt er, „haben dich dann die Engel so weinen lassen, Ma?“
„Lass mich in Ruhe, Ashu“, sagt die Mutter jetzt ärgerlich, „ich habe alle Hände voll zu tun und kann dir auf deine tausend Fragen keine Antwort geben. Red‘ leise, sonst wacht Fulmani auf.“
Wirklich erwacht Fulmani. Aus ihrer wackligen Schaukelwiege dringt Schreien. Sie strampelt mit ihren kurzen, rosa Beinchen und quäkt. Fulmanis Beinchen ähneln in der Farbe dem hellen, zarten Mark von Bananenstauden. Sie sperrt den Mund auf und schreit. Mutter stöhnt: „Dieser Unglückswurm bringt mich noch um. Keine Arbeit lässt sie mich machen. Geh, Ashu, nimm die Schnur und schaukele sie sachte, damit ich noch ein bisschen nähen kann.“
Fulmani strampelt mit den Beinchen. Ashu zieht an der dünnen Schnur und bringt die Wiege sacht zum Schaukeln. Die alte Wiege knarrt. Die von einem Gestell herab hängende Schnur quietscht. Ashu hat Angst, dass die Wiege bricht. Er wiegt Fulmani und singt dabei:
Schrei dir nicht dein Hälschen wund, mein zartes Liebchen, wein doch nicht!
Ich kauf dir auch ein goldnes Kettchen gleich morgen, wenn der Tag anbricht.
Aber Fulmani ist wohl nicht der Typ von Mädchen, den man mit der Aussicht auf eine goldene Halskette beruhigen kann. Sie schreit und schreit, bis ihr Mund ganz voll Schaum ist. Ashi fällt eine List ein. Er steckt Fulmoni seinen Mittelfinger in den Mund und sagte: „Da, lutsch’„. Fulmani beginnt, kräftig daran zu saugen. Am unteren Gaumen hat sie schon zwei Zähne. Damit beißt sie Ashu auf den Finger, tut ihm aber nicht weh, weil ihre Zähne noch ganz zart sind. Fulmanis Gaumen sind ganz weich. Ashu mag das; er zieht den Mittelfinger aus Fulmanis Mund: „Gib her, da ist jetzt keine Milch mehr drin, nimm jetzt den“, und streckt ihr einen anderen Finger hin. Aber Fulmani nimmt ihn erst gar nicht in den Mund und fängt wieder an zu schreien. Jetzt bringt sie weder Schaukeln noch Singen zur Ruhe. „Ma“, ruft Ashu, „da hast du deine Tochter. Bei mir will sie nicht mehr bleiben. Auch wenn sie klein ist, ist sie gar nicht dumm. Sie weiß, dass im Finger keine Milch drin ist.“ – „Dieses Mädchen bringt mich noch um“, sagt Mutter.
Dann steckt sie die Nähnadel in ihren Haarknoten. Mutter hat dichtes, langes Haar. Früher war es schwarz und ihr Knoten ziemlich groß und rund. Aus dem Knoten hängt jetzt der rote Nähfaden auf Mutters Rücken herab. Sie nimmt Fulmani aus der Schaukel: „Oh, sie ist ja völlig durchnässt! Wie soll ich nur jetzt zum Nachmittag das Kissen und die Decke trocken bekommen?“ Fulmani beginnt, an Mutters Brust zu trinken. Ein Glucksen ertönt. Fulmanis ganzer Körper ist mit runden Flecken übersät. Mutter betastet sie leicht. „Sieh doch, Ma, sieh, wie rot und fleckig Fulmani am Körper ist!“ ruft Ashu. „Weil sie Katshublätter und Rettich bekommt, hat sie überall Pusteln. Jetzt sind sie noch trocken, aber wenn sie erst nässen, wird sie das ganze Dorf zusammen schreien.“ Ashu tut sein Schwesterchen leid. „Warum hast du denn auch Katshublätter und Rettich gegessen, Ma?“ – „Du kannst einen zur Verzweiflung bringen, Ashu“, sagt Mutter, den Nähfaden einfädelnd. „Glaubst du, dass Katshu und Rettich mein Lieblingsessen sind? Wie viele hundert Teiche hat denn dein Vater, dass ich zweimal am Tag Koi- und Shingi-Fisch kochen kann? Sei jetzt still. Fulmoni will schlafen. Die Augen fallen ihr schon zu. Deinen Lungi hast du beim Klettern auf die Bäume ganz zerrissen. Ich werde einen ganzen Tag brauchen, um ihn zu flicken.“
„Ma“, sagte Ashu „diesen Lungi brauchst du nicht mehr zu flicken. Den zieh ich sowieso nicht mehr an.“ – „Und was willst du dann anziehen?“ explodiert Mutter. „Wo hat denn dein Vater seine Landgüter, dass er dir jeden Monat einen neuen Lungi kaufen kann?“ Mutters Worte schmerzen. Ashu ist wütend und schmollt. Mit Tränen in den Augen sagt er trotzig: „Dann ziehe ich eben gar nichts an und laufe nackt herum.“ – „Schämst du dich nicht?“ schimpft Mutter. „Wenn Mabud Mians Sohn Anis mir mit dem Finger die genähten Stellen entlangfährt, die Jungen aus der Schule heran ruft und ‚zählt mal, wie viele Flickstellen Ashus Lungi hat’ höhnt, dann schäm‘ ich mich wohl nicht?“
Mutter antwortet nicht, sie hält im Nähen inne und stützt das Gesicht auf die Hände. Fulmani lacht in ihrer Wiege. Sie zeigt ihre beiden weißen Zähne, die wie Flaschenkürbisblüten aussehen, verzieht ihr Gesicht, strampelt mit Armen und Beinen vor sich hin und spielt. Ein Händchen hat sie zur Faust geballt und saugt daran „Da da da, na na na.“ Sie dreht sich auf die eine, dann wieder auf die andere Seite. Ashu freut sich. Seinen Groll hat er ganz vergessen. Nicht lange, dann wird Fulmani laufen und sprechen lernen. Er sagt zu Mutter: „Ma, Fulmanis Wiege ist völlig hin.“
„Ist das ein Wunder?“ erwidert die Mutter. „Sie ist ja auch schon alt. Deine fünf Brüder und drei Schwestern haben alle darin gelegen und geschaukelt, und du auch. Alle acht habe ich beweinen müssen. Alle meine Kinder schlafen im Schatten des Tshatim-Baums dort. Mutter weist mit dem Finger in Richtung des großen Tshatim-Baums, der seinen Schatten über den Friedhof breitet. Ein paar Tränen rinnen ihr aus den Augen. Sie wischt sie mit dem Sari-Zipfel fort. „Nachdem mir fünf Jungen und drei Mädchen gestorben sind, bist du in meinen Schoß gekommen, Ashu. Zu wie vielen Grabmälern von Heiligen bin ich gegangen, wie viele Amulette habe ich mir von Fakiren machen lassen, wie viel geweihtes Wasser habe ich getrunken. Schließlich habe ich dich bekommen. Die Mutter schließt Ashu in ihre Arme und küsst ihn. Mutter sieht jetzt aus wie eine Verrückte. Ihr angegrauter Haarknoten hat sich geöffnet. Mit tränenschweren Augen blickt sie in Richtung des Tshatim-Baums. Als ob sie Ashus acht Geschwister sähe.
Ashu empfindet viel Zärtlichkeit für Mutter. Sie hat so viel Leid erfahren. Wieder fällt der schräge Lichtstrahl auf ihre Stirn. Ashu scheint es, als ob auf ihrem Gesicht lauter Perlen glänzen. Ihr Gesicht leuchtet golden. Man kann sich nicht satt daran sehen. Wie tief und schön Mutters Gesicht ist, wie viel Leid darin seine Linien eingezeichnet hat. Rundliche Linien. Ashu erscheint seine Mutter wie die Königin aus einem Märchenbuch. Auch wenn ihre Arme und Hände nicht mit diamantenen Armbändern und Ringen geschmückt sind. Auch wenn sie keinen pfauenfederblauen Sari anhat und keine Perlenkette um den Hals trägt, ist seine ins goldene Nachmittagslicht getauchte Mutter eine Königin. Ja, gewiss ist sie eine Königin, und Ashu selbst ein Königssohn.
Fulmani hat sich in den Schlaf gespielt. Ashu tut seine kleine Schwester, die wie ein Püppchen aussieht, leid. Wie hübsch sie ist. Und doch muss sie den ganzen Tag in einer kaputten Wiege liegen. Was für eine schöne, mit Blumenmuster übersäte Schaukel Aminas kleine Schwester hat. So eine Wiege wünscht sich Ashu mit einem Mal für Fulmani. „Ma“, bittet er, „sag Vater, er soll für Fulmani eine kleine, hübsche Schaukelwiege kaufen. Der Händler hat so viele davon. Er hat sie gleich neben dem Fischmarkt hängen.“ Ashu zieht an Mutters Sari-Ende und bettelt: „Sag’s ihm, bitte.“
Im Sonnenlicht wirkt Mutters Gesicht noch kummervoller. Als ob ihr das Leid aus den Augen strömte. Sie erscheint Ashu mit einem Mal fern, ganz fern. Als ob sie nicht mehr zu ihm gehöre. Mühsam bringt Mutter heraus: „Ashu, verstehst du nicht, wie schwer es Vater hat? Um uns ein paar Bissen Reis zu verschaffen, schuftet er sich die Seele aus dem Leib. Woher soll er das Geld für einen Lungi für dich hernehmen oder für eine Wiege für deine Schwester. Bald wirst du wohl auch keinen Reis mehr zu essen haben. Diesmal will Mabud Mian ihm kein Land mehr zum Bearbeiten geben. Mutters Leid bringt Ashus Herz fast zum Zerspringen. Er fragte: „Wo ist Vater hingegangen?“ – „Zu Mabud Mian“, antwortet Mutter. „Er will versuchen, ihn mit Bitten und Betteln umzustimmen, dass er uns das Land noch ein Jahr überlässt.“
Ashu ist ein Bauernkind. Auch wenn er klein ist, kann er seinen Vater sehr gut verstehen. Wenn Mabud Mian nicht will, dann hat Vater kein Zipfelchen Land zum Pflügen. Und dann? Dann werden sie nicht einmal mehr Reis im Haus haben. Dann werden sie ihre Kuh Mangala verkaufen müssen. Die Pflugschar wird Rost ansetzen, und das Joch nutzlos im Kuhstall herumliegen. Sein Vater wird im Morgengrauen aufstehen und sich bei fremden Leuten als Tagelöhner verdingen müssen. An den Tagen, an denen er keine Arbeit bekommt, werden sie alle hungern müssen. Ashu steigen Tränen in die Augen. Er wischte sie mit dem Handrücken fort und sagt: „Ma, Mabud Mian hat doch das ganze Land um das Bil. Warum will er uns kein Stückchen abgeben? Weiß er denn nicht wie schlecht es uns geht?“ – „Reich ist Mabud Mian doch deshalb, weil er allen Leuten das Land weggenommen ha“, sagt Mutter. „Hast du nicht erlebt, wie er Ekrams verwitwete Frau verjagt und ihr Gut an sich gerissen hat?“ Warum die Reichen zu den Armen so grausam sind, ist für Ashu einfach unbegreiflich. Er denkt und denkt. In seinem Kopf gehen so viele Gedanken herum und bleiben wie Haken darin sitzen.
Mutter faltet die Decke zusammen und legt sie auf das Gestell. Dabei stößt ihre Hand an den Gebetsschemel, so dass er herunterfällt. „Der Gebetsschemel deines Großvaters ist das, Ashu“, sagte sie. Ashu erinnerte sich an den Großvater. Unbeweglich wie ein Erdhügel hatte der auf dem Schemel gesessen. Nicht einmal den Kopf konnte er vor Altersschwäche heben. Mit 110 Jahren war er gestorben. Wie sehr er gelitten hatte. Manchmal, wenn Ashu in den Wind lauscht, ist ihm, als höre er seinen Großvater stöhnen.
Auf einem Stück Zuckerrohr herumkauend, das ihm Mutter gegeben hat, läuft Ashu aus dem Hof hinaus bis zur Wegkreuzung. Mit dem Gamtsha, das um seine Schultern liegt, wedelnd, kommt ein Mann auf ihn zu. Ashu sieht ihm staunend entgegen. „He, Junge“, fragte der Mann, „wo wohnt hier der Vater von Amina?“ Ashu zeigte ihm das Wellblechhaus. „Welchen Weg muss ich nehmen, wenn ich zum Kaufmann Ramiz will?“ will der Mann weiter wissen. „Den dort“, antwortet ihm ein hübscher kleiner Junge, der dabei steht. „Bist du mit dem Kaufmann Ramiz verwandt?“ fragt der Mann. „Ja, das ist mein Vater.“ – „Dann sag deinem Vater, dass der Munshi Rakib aus dem Westviertel ihn mit seiner Familie zum Essen einlädt“, ruft der Mann, während er sich mit dem Gamtsha den Schweiß von den Schultern abwischt. Danach wendet er sich Aminas Haus zu. Ashu blickt ihm nach. In zwei weiteren Nachbarhäusern verteilt er seine Einladungen. An Ashus Haus geht er vorbei. Ashu war lange zu niemandem eingeladen. Der Duft von Fleisch, Linsen und mit Soße vermengtem Reis steigt in seiner Erinnerung hoch, und gleicht läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Er geht heim und fragt Mutter: „Ma, der Kaufmann hat eine Einladung zum Essen bekommen und auch Aminas Vater. Warum wir nicht?“ Mutters Gesicht verfinstert sich. „Uns lädt man nicht ein“, sagt sie. „Warum nicht, was haben wir denn getan?“ – „Wir sind arm. Und arme Leute lädt man nicht zum Essen ein.“
Mit ihrem Armreif aus Rohr in der Hand geht Mutter aus dem Haus. Ihre Worte hallen in Ashus Ohren wieder. Er sagt bei sich: „Wir sind arm, sehr arm.“ Der gelbe Vogel auf dem hohen Lianengerüst, der „Kutum“ ruft, sitzt da und lässt seinen Schwanz herunterhängen, als wollte er Ashu zurufen: „Ashu, ihr seid sehr arm.“ Auch der leichte, kühle Wind, der zum Abend aufgekommen ist, flüstert: „Ashu, ihr seid sehr, sehr arm.“
Ashu geht die Wegkreuzung entlang, vorbei am Kuhstall von Aminas Vater bis unter den Shonalu-Baum. Der Boden ist mit abgefallenen Shonalu-Blütenblättern bedeckt. Aminas Schwester Dsherina, Hashu und Zulekha sitzen da und flüstern miteinander. Als sie Ashu erblickt, sagt Dsherina: „Komm, wir wollen Hochzeit spielen, und du bist der Bräutigam. Sieh, wie hübsch Zulekha mit ihren Ohrringen aus Shonalu-Blüten aussieht.“ Sie zieht der bräutlich verhüllten Zulekha das Ende ihres gestreiften Saris vom Gesicht. „So ein Mädchen gibt es nicht noch einmal“, flüsterte sie ihm ins Ohr, „du bist der Bräutigam, und ich bin die Schwiegermutter. Komm, setz dir den Bräutigamshut aus Kanthal-Blättern auf.“ Ich rufe den Mullah Hatshamitsha herbei, der wird die Hochzeitsworte sprechen.“ Zunächst hatte sich Ashu gefreut. Doch dann fallen ihm Mutters Worte ein: „Wir sind arme Leute.“ Er wird traurig. „Dsherina“, ruft er, „ich will kein Bräutigam sein“, und läuft weg. Als er am Friedhof vorbeikommt, blickt er zum Tshatim-Baum hin, in dessen Schatten seine Geschwister in ihren Gräbern schlafen.
Anmerkungen:
Kantha: eine Decke, die aus alten Stoffen besteht, welche mit kleinen Kräuselstichen übereinander genäht und oft auch bestickt werden.
Dshinns: Geister.
Bils: für die Landschaft Bangladeschs typische Sumpfseen, die bei Trockenheit schrumpfen, während des Monsuns jedoch weite Flächen bedecken. Der Mog-Bil – wörtlich übersetzt: Krug-See – ist wohl seiner Form wegen so benannt.
Tshatim: Zitronen-Mahagoni.
Borga: ein System, nach dem das Land für ein Jahr zur Bearbeitung einem Pächter überlassen wird, der dem Verpächter dafür die Hälfte der Ernte abgeben muss.
Gamtsha: dünnes, weiches, meist buntes, saugfähiges und schnell trocknendes Baumwollhandtuch, das typisch für das dörfliche Bengalen ist.
Barbara DasGupta hat „Ein Tag in Ashus Leben“ aus dem Bengalischen ins Deutsche übertragen. Die Übersetzung erschien, unter der Redaktion von Peter Dietzel, erstmals in der Ausgabe 4/1999 der Zeitschrift NETZ. Eine weitere Veröffentlichung erfolgte 2006 im Band „Der fremde Vogel“.

Der fremde Vogel
Erzählungen und Gedichte aus Bangladesch Herausgegeben von Barbara DasGupta und Peter Dietzel
124 Seiten
Originalsprache: Bengalisch
Übersetzungen von Barbara DasGupta, Carmen Brandt, Alokeranjan Dasgupta, Hans Harder, Gabi Jaeschke, Lothar Lutze
Draupadi Verlag Heidelberg
ISBN: 3-937603-13-1
Erscheinungsjahr 2006
Die Auflage ist vergriffen, einzelne Neuexemplare sind für 9,80 Euro zzgl. Versand bei Peter Dietzel erhältlich, ebenso antiquarische Exemplare.